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Alliance Israélite Universelle

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Symbol auf der Eingangstür der Mikwe Israel-Synagoge für das Motto der AIU Kol Jisrael arevim se ba-se („Ganz Israel bürgt füreinander“)
Die Schulen der Alliance Israélite Universelle (1912)

Die Alliance Israélite Universelle (hebräisch כל ישראל חברים; kurz AIU) ist eine in mehreren Ländern etablierte internationale kulturelle jüdische Organisation.

Gründung

Adolphe Crémieux

Die AIU wurde 1860 in Frankreich gegründet. Anlass dazu waren die als Damaskusaffäre bekannt gewordenen antisemitischen Ausschreitungen von 1840 sowie die 1858 erfolgte Zwangstaufe eines jüdischen Kindes (Edgardo Mortara, 1851–1940, wurde katholischer Theologe). Daraufhin beschlossen in Frankreich Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und jüdische Intellektuelle, eine Organisation zu schaffen, um Juden in der ganzen Welt zu unterstützen und antijüdischen Hass zu bekämpfen. Sie richteten einen Hilfsfonds ein, schufen zahlreiche Arbeitsplätze und kämpften für die Jüdische Emanzipation. Erster Präsident des Bundes wurde Adolphe Crémieux, der diese Funktion bis zu seinem Tod 1887 behielt.

Geschichte

Zu Beginn verfasste die AIU einen ambivalenten Bericht über das zionistische Projekt und lobte die Ausbreitung der französischen Sprache und Kultur in die jüdischen Diasporagemeinden. Auf Initiative von Charles Netter, Mitglied des Zentralrates des Weltbundes, erfolgte 1870 schließlich die Gründung der Landwirtschaftsschule Mikwe Israel in Palästina. Später gründete er zahlreiche Volksschulen, sowohl in orientalischen Ländern als auch in Israel. Die Aktivität des Weltbundes erreichte Ende des Ersten Weltkriegs einen Höhepunkt, als die AIU polnische Juden (1919) und russische Juden (1922), als Opfer von Hungersnöten, unterstützte.

Schulen

Die AIU profilierte sich mit der Gründung von Schulen in zahlreichen Ländern, besonders in der muslimischen Welt. Ziel der Schulen war, die einheimische jüdische Jugend im modernen, abendländischen Sinn zu bilden; die Schulen waren aber auch offen für Nichtjuden. Zur Finanzierung dieses Projekts trug der Deutsche Maurice de Hirsch maßgeblich bei. In Palästina gründete die AIU Volksschulen in Jerusalem, Haifa, Tiberias und Tel Aviv. 1950 wurden die Schulen und Mikwe Israel vom israelischen Erziehungsministerium enteignet. Die AIU finanziert diese pädagogischen Institutionen weiter.

Deutschland und die AIU

Ein deutscher Name konnte sich nicht dauerhaft etablieren. Die Zeitschrift Ost und West führte ab 1912 die Bezeichnung „Organ der AIU“ und vereinzelt als zusätzlichen Namen dieses Herausgebers: „Deutsche Conferenz-Gemeinschaft“.

Im Berner Prozess um die „Protokolle der Weisen von Zion“ benutzte der deutsche antisemitische Gutachter Ulrich Fleischhauer die Bezeichnung „Israelitischer Weltbund“ für die AIU. Die Unterlagen zu diesem Berner Prozess im Archiv der AIU in Paris hat Catherine Nicault gesichtet[1].

Die Nationalsozialisten nutzten dementsprechend die Existenz der AIU als Beweis für die „jüdische Weltverschwörung“ und dafür, dass, jedenfalls aus der Sicht der Besatzer in Paris, diese Stadt das europäische Zentrum der Verschwörung ist und deshalb hier die härtesten Verfolgungsmaßnahmen stattfinden müssten. Im Nürnberger Prozess zitierte der Ankläger 1946 im Prozess gegen den Pariser Judenreferenten Theodor Dannecker diesen und Herbert Hagen wie folgt:

Die Auswertung des in Deutschland, Österreich, ČSR und Polen sichergestellten Materials ließ den Schluß zu, daß die Zentrale des Judentums für Europa und damit die Hauptverbindung nach den überseeischen Ländern in Frankreich zu suchen sei. Aus dieser Erkenntnis heraus wurden daher zunächst die bereits bekannten großen jüdischen Organisationen, wie "Weltjudenkongreß" ... durchsucht und versiegelt.[2]

Am Salomon Ludwig Steinheim-Institut an der Universität Duisburg-Essen gibt es einen Forschungsschwerpunkt zur Tätigkeit der AIU in deutschsprachigen Ländern. Die Ergebnisse werden in der Zeitschrift Kalonymos publiziert[3]. Den Forschungsbereich koordiniert Carsten Wilke von der Central European University. Das Archiv der AIU befindet sich nach einer kriegsbedingten Verschleppung (1940 Abtransport nach Berlin und 1945 in das Sonderarchiv Moskau des sowjetischen Sicherheitsdienstes) seit 2001 wieder in Paris.

Literatur

  • Alliance Israélite universelle. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band 1, Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1892, ‎ S. 379.
  • Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für modernes Judentum. Silberfiche-Edition. Hg. D. Trietsch (zeitweise) & L. Winz. 8 Jahrgänge. Charlottenburg 1901–1908. Fortgesetzt als Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum. Hg. L. Winz. 15 Jahrgänge. Charlottenburg 1909–1923. – Ab 1912 mit dem Zusatz: „Organ der Alliance israélite universelle.“ Olms, Hildesheim 1999
  • Björn Siegel: Zwischen Paris und Gondar. Die Missionen der Alliance Israélite Universelle 1867 und 1907 - 1908 nach Äthiopien, In: Orient als Grenzbereich? Rabbinisches und außer-rabbinisches Judentum. Hgg. Annelies Kuyt, Gerold Necker. Reihe: Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes, 60. Harrassowitz, Wiesbaden 2007, S. 249–264
  • Carsten L. Wilke: Völkerhass und Bruderhand. Ein deutsch-französischer Briefwechsel aus dem Jahr 1871. (Zwischen Moritz Landsberg und Isidore Loeb) in Kalonymos, H. 4, 2008, 11. Jg., S. 1–5 Online
  • Wolfgang Treue: Jüdisches Weltbürgertum oder nationales Judentum? Die AIU und der Zionismus in Deutschland. in Kalonymos, H. 3, 2010, 13. Jg., S. 9–12 Online
  • Rafael Arnold: Anschluss an die moderne Welt. 150 Jahre AIU. in Dokumente-Documents. Zs. für den deutsch-französischen Dialog. No. 1, Bonn, März 2010 ISSN 0012-5172 S. 100–102 (Lit.)
  • Ost und West. Band 1. Nabu Press (das ist: Bibliobazaar), Charleston, South Carolina SC 29403, 2010 ISBN 1-146-87939-3
  • Björn Siegel:[4] Österreichisches Judentum zwischen Ost und West. Die Israelitische Allianz zu Wien 1873 – 1938. Campus, Frankfurt 2010
    • Bearbeitet erneut veröffentlicht als: Die Israelitische Allianz zu Wien 1873–1938. In: Europäische Traditionen. Enzyklopädie jüdischer Kulturen. Projekt des Simon-Dubnow-Instituts. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 2012
  • Björn Siegel: Das ‘Es werde Licht ist gesprochen…’. Die Bildungsmissionen der Israelitischen Allianz zu Wien, der Baron Hirsch Stiftung und der Alliance Israélite Universelle im Vergleich 1860 - 1914, In: Transversal Jg. 12, 2011, H. 1–2, S. 83–112
  • Carsten L. Wilke: Alliance israélite universelle. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 1: A–Cl. Metzler, Stuttgart/Weimar 2011, ISBN 978-3-476-02501-2, S. 42–50.
  • Dominique Trimbur: Alliance Israélite Universelle (Frankreich). In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus, Band 5, De Gruyter-Saur 2012, ISBN 978-3598240782, S. 14–16
  • Georges Bensoussan, L'Alliance Israélite Universelle (1860–2020). Juifs d'Orient, Lumières d'Occident, Paris 2020

Weblinks

Anmerkungen

  1. Catherine Nicault: Le procès des protocoles des sages de sion, une tentative de riposte juive à l'antisémitisme dans les années 1930. In: Vingtième Siècle. Revue d'histoire, #53, Janvier-mars 1997, p.68-84. Cf. Artikel Nicault, online
  2. Online ČSR wurde hier durch Computerfehler zu ÈSR verschrieben. Ein Nazi-Dokument mit dem Titel „Aktionen der Sipo und des SD, (SS-Einsatzkommando Paris) gegen diese Organisationen und führende jüdische Personen“. An der Stelle der Auslassungen standen weitere jüdische Organisationen, die hier nicht gelistet sind. Auch das Faksimile ist an dieser Stelle nicht zugänglich
  3. Annette Sommer: Weltbürgerliche Utopie. Die AIU in Deutschland 1860 - 1914. Kalonymos, Heft 1, Essen 2015, S. 10 (mit 2 Abb.) Auch online
  4. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für die Geschichte der deutschen Juden Universität Hamburg; seit 2014 DAAD-Fachlektor für deutsch-jüdische Geschichte am Center for German Jewish Studies an der University of Sussex.
Dieser Artikel basiert ursprünglich auf dem Artikel Alliance Israélite Universelle aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Wikipedia-Autoren verfügbar.