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Polnischer Untergrundstaat

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Inoffizielle Flagge der Polnischen Heimatarmee mit der sogenannten Kotwica

Polnischer Untergrundstaat (polnisch Polskie Państwo Podziemne) ist ein Begriff, der die Gesamtheit der der Polnischen Exilregierung unterstellten, polnischen Widerstandsorganisationen im Zweiten Weltkrieg, sowohl militärisch als auch zivil, beschreibt. In der polnischen Geschichtsschreibung wird der Begriff benutzt, um sowohl den bewaffneten Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht als auch alle Aktivitäten in den Bereichen Politik, Soziales und Bildung zu beschreiben.

Gründung

Der Untergrundstaat bildete sich in Polen rasch im Zuge der deutschen Unterdrückung und schloss an die lange Tradition des polnischen Widerstandes gegen fremde Besatzer im Rahmen der Polnischen Teilungen an. Er stellte eine in diesem Ausmaß bislang nicht anzutreffende Erscheinung in der Geschichte des europäischen Untergrundes dar.

Der militärische Teil bestand vor allem aus verschiedenen Zweigen der Polnischen Heimatarmee und sollte die polnische Gesellschaft auf einen zukünftigen Kampf um die Befreiung des Landes vorbereiten. Abgesehen von Widerstand, Sabotage, Ausbildung und Propaganda war es Aufgabe des militärischen Arms des polnischen Untergrundstaates, die Kommunikation mit der Exilregierung in London aufrechtzuerhalten sowie den zivilen Arm des Staates zu schützen. Die Hauptrolle des Letzteren lag in der Aufrechterhaltung der Kontinuität des polnischen Staates als Ganzem, inklusive seiner Institutionen, darunter Polizei, Gerichte und Bildungseinrichtungen auf allen Ebenen, von den Grundschulen, über die Oberschulen bis zu den Hochschulen. Es fand u. a. eine konspirative Ausbildung an Untergrunduniversitäten in Warschau, Krakau, Wilna und Lemberg statt. Es wurde auch ein geheimes Presse- und Sozialfürsorgewesen organisiert. Die Geldmittel hierfür stammten aus der Bevölkerung selbst oder aus Mitteln, die aus London eingeschleust worden waren.[1][2] Dieser zivile Arm des Widerstandes ging nahtlos in den Aufbau bewaffneter Verbände über. Es sollten Kader und Institutionen für die Übernahme der Macht nach der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg ausgebildet werden.

Der Gedanke hinter dem polnischen Untergrundstaat bestand darin, dass die Besetzung Polens durch das Deutsche Reich und durch die Sowjetunion völkerrechtswidrig war. Daher wurden auch alle Institutionen der Besatzungsmächte als illegal angesehen und durch parallele polnische Institutionen, die polnischem Recht folgten, „gedoppelt“.

Organisationsstruktur

Militärischer Bereich
Ziviler Bereich

Geschichte

Wladyslaw Sikorski, Ministerpräsident der Polnischen Exilregierung 1939 bis 1943

Die polnischen Militärs hatten bereits am 27. September 1939, also kurz vor der Kapitulation, und noch vor der Entstehung der Exilregierung, die Untergrundorganisation Służba Zwycięstwu Polsce (Dienst für den Sieg Polens, SZP) gegründet.[3] Des Weiteren bildeten sich bereits Wochen nach der Niederlage der regulären Armee spontan weitere Widerstandsgruppen. Sie speisten sich vorwiegend aus dem Reservoir ehemaliger Offiziere und Beamter, sowie aus den Jugendorganisationen der Parteien. Insbesondere Pfadfinderorganisationen (Szare Szeregi) stellten später einen großen, und oftmals besonders motivierten Teil der Rekruten für den Widerstand.

Der polnische Widerstand ordnete sich der Exilregierung unter, da er seinem Selbstverständnis nach von Beginn an eine Fortsetzung der Zweiten Republik war. Die Exilregierung bemühte sich, all diese Widerstandsgruppen zusammenzuschließen, sodass bis zum Jahreswechsel 1943/44 der ZWZ (poln.: Związek Walki Zbrojnej; dt.: Verband für den Bewaffneten Kampf) entstand, der den größten Teil des polnischen Widerstandes in sich vereinte. Der vereinigte Widerstand wurde im Weiteren als Armia Krajowa (dt.: Heimatarmee, Abkürzung: AK) bezeichnet. Sie umfasste 1944 insgesamt rund 300.000–350.000 Mitglieder. Diesem Bündnis blieben nur die Kräfte der extremen Rechten und der extremen Linken fern: Auf der einen Seite die rechtsnational-antikommunistische NSZ-Miliz mit rund 35.000[4] Mitgliedern, auf der anderen Seite die kommunistische Armia Ludowa (dt.: Volksarmee; Abkürzung: AL), die sich nach dem Überfall auf die Sowjetunion als Gegenpol zur AK aufzubauen versuchte. Sie erreichte rund 100.000 Mitglieder.[5][6]

London und die AK-Führung in Polen waren sich einig, dass die Hauptaufgaben des Widerstandes darin bestehen sollten, Spionagearbeit für die Alliierten zu leisten, die deutsche Rüstung und das Transportwesen durch Sabotageakte zu schädigen, und besonders brutale Aktionen des Besatzers zu vergelten. Man wollte zunächst keine offenen kriegerischen Aktionen durchführen. Zum einen wegen der zu Beginn noch geringen militärischen Stärke des ZWZ, zum anderen um seitens der deutschen Besatzer keine Repressionen gegenüber der Zivilbevölkerung zu provozieren. Der Befehlshaber des ZWZ im Untergrund, Oberst Stefan Rowecki schrieb im November 1939: Der Widerstand kann erst dann offen auftreten, wenn Deutschland zusammenbricht, oder zumindest ein Bein einknickt. Dann sollten wir fähig sein, im zweiten Bein Adern und Sehnen durchzuschneiden, damit der deutsche Koloss umfällt.[7]

Der Widerstand radikalisierte sich erst, als man erkannte, dass sein „gemäßigtes“ Auftreten keinen Einfluss auf die radikale Unterdrückung und Vernichtung der Polen und Juden durch die deutschen Besatzer hatte. 1943 wurde die Kedyw als Organisation für Sabotage und Diversionsakte gegründet. Unter ihrer Ägide wurden Brandanschläge, Diversionsakte, Gefangenenbefreiungen und sogar Anschläge auf SS-Führer geplant und durchgeführt.

Der Widerstand stand über Kuriere in Verbindung mit der polnischen Exilregierung und wurde von ihr finanziell und – zu einem geringen Ausmaß – auch mit Waffen unterstützt.[8] Ebenso betrieb der Widerstand groß angelegte Spionageoperationen im Dienste der Alliierten. Man entschlüsselte unter anderem die Produktionsstandorte der Raketenwaffe V1. Im Juli 1944 wurde eine zerlegte V2-Rakete, die von polnischen Widerstandskämpfern erbeutet worden war, von der RAF nach England ausgeflogen.

Aktion Burza

Im Jahre 1944 ging die Heimatarmee zur Aktion „Burza“ („Gewitter“) über. Das Ziel der Operation war es, die sich auf der Flucht befindenden deutschen Einheiten durch Militäraktionen und Sabotage zu schwächen beziehungsweise zu vertreiben und den einrückenden sowjetischen Truppen die Möglichkeit zu nehmen, eine pro-sowjetische Regierung in Polen zu etablieren.

Letztendlich konnten nur die Aufstände in Wilna und Lemberg erfolgreich durchgeführt werden. Die Einheiten wurden dann aber von den Sowjets entwaffnet und deportiert.

Warschauer Aufstand

Am 1. August 1944 begann der Warschauer Aufstand, der die größte einzelne bewaffnete Erhebung im besetzten Europa während des Zweiten Weltkrieges darstellte. Die Aufständischen der Heimatarmee kämpften 63 Tage gegen die deutschen Besatzungstruppen, bevor sie mangels Unterstützung von Außen und angesichts der aussichtslosen Situation kapitulierten.

Auflösung und Repressalien in der Nachkriegszeit

Am 31. Dezember 1944 erkannte die UdSSR das Lubliner Komitee einseitig als einzige rechtmäßige Regierung Polens an. Zuvor war der polnische Premier Mikołajczyk erfolgreich von den Westalliierten und der Sowjetunion zur Anerkennung der Westverschiebung Polens gedrängt worden. Die sowjetische Seite hatte dessen Zustimmung sowieso nicht abgewartet. Das NKWD hatte im Oktober 1944 mit der Repatriierung von polnischen Einwohnern östlich der Curzon-Linie begonnen.[9]

Aufgrund der fortschreitenden sowjetischen Offensive wurde die Heimatarmee am 19. Januar 1945 aufgelöst. Im Juli 1945 erfolgte auch die Auflösung der zivilen Strukturen des Polnischen Untergrundstaates.

Als einer der ersten westlichen Beobachter sah George Orwell den Weg Polens in einen von der Sowjetunion abhängigen Satellitenstaat.[10]

“No, the 'Lublin Regime' is no victory for socialism. It is the reduction of Poland to a vassal state … Woe to those who want to maintain their independent views and policies.”

„Nein, das ‚Regime von Lublin‘ ist kein Sieg für den Sozialismus. Es ist die Herabsetzung Polens zu einem Vasallenstaat. … Wehe denen, die ihre unabhängigen Vorstellungen und Grundsätze aufrechterhalten wollen.“

Die Soldaten der Heimatarmee oblagen Repressalien seitens der Kommunisten und des Geheimdienstes des sowjetischen NKWD.

Das Bestreben, die nicht von Moskau abhängigen Kräfte zu unterdrücken, richtete sich auch stark gegen die ehemaligen Widerstandskämpfer. Das Lubliner Komitee hatte schon während des Warschauer Aufstandes in seinen Schriften die AK als Verräter und als von Volksdeutschen unterwandert bezeichnet. Die Führung der Heimatarmee wurde der Kollaboration mit Deutschland bezichtigt.[11]

Im Polen der Nachkriegszeit wurden diese Tendenzen auch schnell mit Hilfe der sowjetischen Sicherheitsdienste vorangetrieben. Im Juni 1945 wurde in Moskau ein Schauprozess gegen den letzten AK-Befehlshaber nach Bór-Komorowski Leopold Okulicki und mehrere nach Moskau entführte Führer polnischer Parteien veranstaltet. Es wurden Freiheitsstrafen von vier Monaten bis zu zehn Jahren verhängt. Mehrere Verurteilte starben unter ungeklärten Umständen in den sowjetischen Straflagern.[12] Nach diesem Beispiel richtete sich auch die Behandlung der einfachen Soldaten in Polen selbst. Einige von ihnen wurden in die Sowjetunion deportiert oder in ihrem Heimatland ins Gefängnis geworfen. In Polen selbst folgten Schauprozesse gegen AK-Soldaten bis in die 50er-Jahre. Sie galten als Verstoßene Soldaten. Des Weiteren waren die ehemaligen Widerstandskämpfer und deren Familienangehörige meistens vom Studium und einer beruflichen Karriere in der sozialistischen Planwirtschaft ausgeschlossen.

Siehe auch

Weblinks

Literatur

Fußnoten

  1. Włodzimierz Borodziej: Der Warschauer Aufstand 1944. Fischer 2001, ISBN 3-10-007806-3, S. 33 f.
  2. Norman Davies: Rising '44. Pan Books, London 2004, S. 184–188.
  3. Włodzimierz Borodziej: Der Warschauer Aufstand 1944. Fischer, 2001, ISBN 3-10-007806-3, S. 56.
  4. Norman Davies: Boże Igrzysko. Historia Polski. Wydawnictwo Znak, Kraków 2003, S. 925.
  5. Norman Davies: Boże Igrzysko. Historia Polski. Wydawnictwo Znak, Kraków 2003, S. 926.
  6. Włodzimierz Borodziej: Der Warschauer Aufstand 1944. Fischer, 2001, ISBN 3-10-007806-3, S. 30–37.
  7. Włodzimierz Borodziej: Der Warschauer Aufstand 1944. Fischer, 2001, ISBN 3-10-007806-3, S. 57–59.
  8. Norman Davies: Rising '44. Pan Books, London 2004, S. 196 ff.
  9. Norman Davies: Rising '44. Pan Books, London 2004, S. 443 ff.
  10. Orwells Artikel in der Tageszeitung „Time and Tide“ wird zitiert in Norman Davies' Rising '44 auf S. 442.
  11. Norman Davies: Rising '44. Pan Books, London 2004, S. 440, S. 457.
  12. Norman Davies: Rising '44. Pan Books, London 2004, S. 462 f., 466 ff.
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