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Judas Ischariot

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Kuss des Judas (anonym, 12. Jh., Uffizien)

Judas Ischariot (hebräisch יהודה איש־קריות Yəhûḏāh ʾΚ-qəriyyôt) erscheint im Neuen Testament als einer der zwölf Nachfolger des Jesus von Nazaret, die dieser persönlich als Apostel (zur Verkündigung Gesandte) berief. Nach allen vier Evangelien soll er in Jerusalem Jesu Festnahme im Garten Getsemani durch die im Sanhedrin führenden Gruppen ermöglicht haben mit der Folge, dass Jesus von diesen an die Römer ausgeliefert und gekreuzigt wurde. Er galt den Urchristen daher als der, der ihn [Jesus] dann überlieferte (Mk 3,19 Elb).

Neutestamentliche Überlieferung

Name

Der Name Judas ist die damals verbreitete griechische Form des hebräischen Vornamens Juda, der im Tanach auf einen Stammvater der zwölf Stämme Israels zurückgeführt wird. So hießen nach dem NT u. a. auch der Apostel Judas Thaddäus und ein Bruder Jesu (Mk 6,3 EU).

Der Beiname (nicht Nachname) Ischariot wird zum einen als Isch Qerijot (Mann aus Kariot) gedeutet. Das hebräische Wort qerijot hat die Bedeutung Begegnungen. Da in Judäa ein Dorf dieses Namens existierte, wäre Judas der einzige Judäer unter den zwölf Jüngern gewesen, die nach den NT-Berichten sonst alle aus Galiläa stammten. Anhaltspunkte dafür, dass Judas gesondert erst in Judäa berufen wurde, fehlen dort.

Eine andere Theorie vermutet, dass sein Beiname auf seine Mitgliedschaft bei den damaligen Zeloten hinweist, die zum Teil nach Art eines Guerillakampfes gewaltsame Attentate auf Römer oder deren „Kollaborateure“ verübten und deshalb von diesen Sikarier („Dolchträger“ im Sinne von „Meuchelmörder“) genannt wurden.

Synoptische Evangelien

Während sich in den Paulusbriefen und anderen Episteln kein Hinweis auf Judas Ischariot findet, führen ihn alle Evangelien als Apostel ein und stellen seine Rolle in Jesu Passion heraus. Sein Name erscheint bei den Synoptikern (Markus, Matthäus, Lukas) erstmals jeweils in den Jüngerlisten, die die zwölf erstberufenen Jünger Jesu aufzählen. In Mk 3,19 EU, dem Mt 10,4 EU fast wörtlich folgt, wird nur beim Namen Judas sofort auf dessen künftige Rolle in der Passionsgeschichte Jesu hingewiesen: … der ihn auch überlieferte.

Dieses Tun wird durchgängig mit dem griechischen Verb para-didomi benannt, was allgemein „hingeben“, „übergeben“ bedeutet. Nur das Lukasevangelium verwendet davon abweichend an einer einzigen Stelle den Begriff prodotes, „Verräter“ (Lk 6,16 EU). Das Wort para-didomi umfasst das Bedeutungsspektrum zwischen dem „Überliefern“ einer Sache (auch von Lehren), dem „Ausliefern“ von Personen an Gericht und Strafverfolgung bis hin zur „Preisgabe“ an die Feinde.[1] Moderne Bibelübersetzungen, wie die Einheitsübersetzung und die 1984 revidierte Lutherbibel, übersetzen den Ausdruck an den Stellen, die das Judashandeln erwähnen, meist mit „ausliefern“ oder „verraten“, die Elberfelder Bibel mit „überliefern“. Dabei geht es im jeweiligen Kontext um Jesu Übergabe an seine Richter, Feinde oder zur Hinrichtung. Die Evangelien stellen Judas also nicht als bloßen Vermittler einer unabhängig von ihm vollzogenen Tötungsprozedur, sondern als aktiven Initiator der Passionsgeschichte dar. Deshalb heben sie sein zukünftiges Handeln schon bei seiner Berufung hervor. Die Bezeichnung Verräter bürgerte sich im deutschen Sprachraum durch Luthers Übersetzung ein (Mk 3,19 Luth).

Nach der Jüngerberufung gehört Judas bei den Synoptikern jedoch ganz selbstverständlich zu denen, die Jesus als „Brüder“ anspricht (Mk 3,34 EU) mit der Begründung: Alle, die Gottes Willen ausführten, seien seine nächsten Verwandten. Auch in der Aussendungsrede gehört Judas zu den Jüngern, von denen es heißt (Mk 6,13 EU):

„Und sie gingen aus und predigten, man solle Buße tun, und trieben viele böse Geister aus und salbten viele Kranke mit Öl und machten sie gesund.“

Er wird auch in der weiteren Darstellung nirgends als einer der Jünger hervorgehoben, die Zweifel äußerten oder Fragen an Jesu Sendung stellten.

Erst nach dem Tötungsplan der Tempelpriester und Schriftlehrer (Mk 14,1f EU), das heißt, der im Sanhedrin vertretenen jüdischen Führungsgruppen, wird Judas als der genannt, der Jesus an diese seine Feinde verraten habe, wofür sie ihm Geld versprochen hätten (Mk 14,10f EU). Das Matthäusevangelium führt diese Notiz weiter aus. Nach Mt 26,15 EU soll Judas unmittelbar nach der Salbung in Bethanien die Hohenpriester aufgesucht und von sich aus um Lohn für seinen Verrat ersucht haben: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten. Daraufhin hätten sie ihm 30 Silberstücke dafür angeboten. Dies habe ihn motiviert, eine Gelegenheit für den Verrat zu suchen. So erscheinen die Jerusalemer Sadduzäer bei Matthäus als Hauptgegner Jesu. Matthäus ist auch der einzige Evangelist, der Judas nach der Verurteilung Jesu als reuigen Sünder schildert (Mt 27,3-10 EU) und davon berichtet, er habe die 30 Silberstücke der Jerusalemer Führung der Juden zurückgegeben, bevor er sich erhängte. Durch dieses Motiv und die abschließende Notiz vom Erwerb eines Ackers durch die Hohenpriester betont Matthäus noch einmal deren Verantwortung.

Das Lukasevangelium gibt dagegen als Grund für Judas' Handeln an, dass der Satan von ihm Besitz ergriffen habe (Lk 22,3 EU). Wie bei Markus bieten auch bei Lukas die Hohenpriester eine Bezahlung für die Dienste des Judas an, ohne dass er dies verlangt hätte.

Im Bericht vom letzten Mahl (Mk 14,12-26 EU) kündigt Jesus selbst an, dass einer seiner Tischgäste den Verrat oder die Auslieferung begehen werde, ohne Judas beim Namen zu nennen. Er weist dabei in Gegenwart aller Jünger auf Gottes Vorherbestimmung seines wie des Verräters Weges hin:

„Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.“

Judas verkörpert demnach die Möglichkeit des Verrats inmitten der Jüngerschar, die Jesus angesichts seiner Festnahme verließen und wie Petrus verleugneten. Aber Jesu Austeilung von Brot und Wein gibt ihnen allen, auch Judas, vorweg Anteil an Jesu Lebenshingabe, die nach Mt 26,28 EU und 1_Kor 15,3 EU Sündenvergebung beinhaltet: Und sie tranken alle daraus, nämlich aus dem Kelch, den Jesus als „Blut des neuen Bundes“ deutete (v. 23).

Cappella degli Scrovegni (Padua): Der Judaskuss von Giotto

Danach führte Judas nach allen Evangelien die jüdische Tempelwache und römische Soldatenschar zu Jesu Aufenthaltsort im Garten Getsemani und identifizierte ihn für sie mit einem Kuss. Nach Mt 27,3ff EU soll er seine Tat später bereut haben, darüber verzweifelt sein und sich nach Jesu Verurteilung erhängt haben. Apg 1,18 EU zufolge barst er mitten entzwei, und alle seine Eingeweide traten heraus.

Johannesevangelium

Das Johannesevangelium gibt Judas in einigen Texten eine Sonderrolle, wo er sie in den älteren synoptischen Versionen nicht hatte. Während der Christusbekenner Simon Petrus in Mk 8,27-33 EU wegen seines Versuchs, Jesus von seinem vorherbestimmten Leidensweg abzubringen, „Satan“ genannt wird, antwortet Jesus in Joh 6,66-71 EU auf dessen Bekenntnis du bist der Heilige Gottes:

„Habe ich nicht euch Zwölf erwählt? Aber einer von euch ist ein Teufel. Denn dieser sollte ihn verraten; einer der Zwölf.“

So wird der Verräter Judas zur Kontrastfigur des Bekenners Petrus.

Während nach Mk 14,4 EU „etliche“ Jünger gegen die Salbung Jesu mit kostbarem Nardenöl protestierten und fragten, warum man dieses nicht lieber verkauft und den Erlös den Armen gegeben habe, tat dies nach Joh 12,4ff EU nur Judas. Der Folgesatz kommentiert:

„Das sagte er aber nicht, weil er nach den Armen fragte, sondern er war ein Dieb und hatte den Beutel und nahm an sich, was gegeben wurde.“

Demnach war Judas eine Art „Kassenwart“ der Jünger, der ihre Geldmittel verwalten sollte, aber einen Teil davon unterschlug. Die Aussage widerspricht der synoptischen Aussendungsrede, wonach keiner der zwölf Jünger unterwegs einen Geld- und Vorratsbeutel mitführen durfte (Mk 6,8 EU). Sie verstärkt das bei Matthäus angedeutete Motiv der Habgier: Danach war Judas nicht bloß käuflich von Jesu Feinden, sondern auch ein Betrüger am Gut seiner Mitjünger und an den Armen.

In der Szene von Jesu Fußwaschung (Joh 13,1-30 EU), die im Johannesevangelium an die Stelle der synoptischen Berichte vom letzten Mahl Jesu mit den Jüngern tritt, wird Judas als einziger der Zwölf für unrein erklärt (v. 10): Und ihr seid rein, doch nicht alle. Er wusste nämlich, wer ihn verraten würde .... Doch erhält Judas mit den übrigen Jüngern die Fußwaschung (v. 12) als Anteil an Jesu Heilstat (v. 8). Die Austeilung des Brotes und Weins beim letzten Mahl erscheint bei Johannes dann als Zeichen, das den Verräter für die übrigen Jünger identifizieren soll. Auf die Frage des Petrus, wer Jesus verraten werde, antwortet dieser hier (v. 26ff):

„Der ist es, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er tauchte den Bissen ein, nahm ihn und gab ihn dem Judas, des Simon Ischarioths Sohn. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tun willst, das tue bald! ... Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht. Als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist in ihm verherrlicht.“

(Im Gegensatz zu der Darstellung im Johannes-Evangelium heißt es in Matthäus 26/23 "Der, der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, ..." und Markus 14/20 "... der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht.") Damit erscheint die Gabe des Heils als Auslöser des Verrats und dieser als persönlicher Auftrag Jesu. Erst nachdem Judas Jesus verlassen hat, ist Jesu Weg ans Kreuz vorbereitet, die für Johannes Jesu Einheit mit Gott vollendet. Demgemäß gestaltet er die Abschiedsreden an die Jüngerschar theologisch breit aus. Im Gebet Jesu heißt es über die Jünger und den abwesenden Judas (Joh 17,12 EU):

„Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast. Und ich habe sie behütet und keiner von ihnen ging verloren, außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllt.“

Deutungen

Judas wurde als wichtige Person in der Heilsgeschichte immer wieder von christlicher Theologie, aber auch profaner und fiktiver Literatur betrachtet. Dabei stehen zwei miteinander verbundene Auslegungsfragen im Mittelpunkt:

  • Hat Judas Jesus absichtlich „verraten“ oder nur „übergeben“? Ist sein Handeln also negativ als verwerfliche Feindschaft gegen Jesus oder vielmehr positiv als Erfüllung von Gottes Heilsplan zu deuten?
  • Wie verhalten sich bei Judas Gottes Vorherbestimmung (Prädestination) und der freie Wille des Menschen zueinander? Hätte Judas sich anders entscheiden können oder musste er sich so entscheiden, um Gottes Heilsplan zu erfüllen?

Beide Auslegungsfragen knüpfen an die paradoxe NT-Darstellung an, die das Handeln des Judas negativ kennzeichnet, zugleich aber betont, dass Jesus selbst dieses vorhergesagt und Gott den Tod Jesu als Folge dieses Handelns gewollt habe.

Übergabe als Befreiung

In frühchristlichen vom Gnostizismus beeinflussten Apokryphen wie dem Judasevangelium wird Judas als der Jünger gesehen, der die Erlösungsgeschichte durch seinen 'Verrat' erst ermöglichte, damit im Dienst Jesu stand und sogar als dessen „Befreier“ gilt. Auch Origenes sah in Judas einen Heiligen.

Auf diese Deutung stützen sich auch moderne Exegeten wie der Kirchengeschichtler Hans van Oort. Er sieht Judas in der theologischen Auslegungsgeschichte als missverstanden an und meint: Judas befreite Jesus, indem er ihn auslieferte.[2]

Ohne Kenntnis dieser theologischen Diskussion stellte der Dichter Anton Dietzenschmidt in seiner Tragödie Der Verräter Gottes (1930) Judas als den Jünger vor, der als einziger den Willen des „Lammes Gottes“ versteht. Nach Jesu Geheiß (Joh 13,27 EU) habe er dessen Übergabe auf den Weg gebracht. Erst mit dieser Übergabe sei die Erlösung durch Jesu Opfertod wirklich in Gang gekommen. Innerlich aber sei Judas dann daran gescheitert, dass er sich als vermeintlicher Lenker von Gottes Schicksal über Gott erhoben zu haben glaubte.

Verrat als Selbstausschluss vom Heil

Andere Kirchenväter wie Irenäus schmückten das negative Bild des ewig verworfenen Verräters im Anschluss an das Johannesevangelium mit Legenden über seine Motive und seinen Tod aus und verfestigten es. Ebenfalls früh begann die antijudaistische Stilisierung des Judas als Prototyp des Judentums: Mit Bezug auf die Tat des Judas Ischariot verfasste Johannes Chrysostomos Regeln für den Umgang mit Juden, die im Mittelalter dann wörtlich in Gesetzesform gegossen wurden.

Als Hintergrund für diese Entwicklung nimmt man heute an, dass sich die Alte Kirche nach 70 vom Judentum abgesetzt habe und die Zugehörigkeit ihrer Mitglieder nach außen abzusichern suchte. Im christlichen Kult, wie der Eucharistie, bezog man sich daher auf die negativ interpretierte Tat des Juden Judas, um ähnlich wie das Judentum im „Ketzersegen“ des Achtzehngebets (Amidah) die eindeutige Zuordnung der Glaubensbrüder und -schwestern zu fordern.

Judas als Zelot

Anknüpfend an die mögliche Ableitung des Beinamens „Iskariot“ von „Sikarier“, wird Judas von christlichen Exegeten oft als Zelot eingeordnet. Diese Theorie erklärt seinen „Verrat“ an jene, welche die Zeloten damals als ihre Feinde ansahen und bekämpften, dann meist aus einer von Jesus enttäuschten politischen Messiaserwartung: Judas habe in Jesus den erhofften Befreier der Israeliten gesehen, der die Führung eines gesamtisraelitischen Aufstands gegen die Römer übernehmen und diese vertreiben sollte. Jesus aber habe stattdessen ein jenseitiges Gottesreich ohne weltliche Macht verkündet (Joh 18,36 EU).

Für diese Theorie gibt es indirekte Anhaltspunkte in der NT-Überlieferung:

  • Mit Simon Zelotes gehörte mindestens ein ehemaliger Angehöriger dieser Widerstandskämpfer zu Jesu Jüngern.
  • Während Jesus seinen Jüngern in Galiläa befohlen hatte, das Reich Gottes ohne Waffen zu verkünden (Mk 6,7-13 EU), warnte er sie später, unterwegs nach Jerusalem, vor Verfolgung und Martyrium (Mk 10,32-39 EU). Er betonte nun, er sei nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert und den Kampf (Lk 12,49-53 EU).
  • Einige von Jesu Jüngern kauften nach Lk 22,35-38 EU auf Jesu Befehl Schwerter im Tausch für ihre Obergewänder.
  • Sie hofften nach Lk 24,21 EU bis zu Jesu Tod, „er sei der, der Israel erlösen [wörtlich befreien] werde“.

Der weitere Kontext widerspricht jedoch dem Eindruck, dass Jesus einen bewaffneten Aufstand vorbereitet haben könnte:

  • Weil jeder seiner Jünger wie die meisten Bettelarmen nur ein Obergewand besaß, bekamen sie nur zwei Schwerter dafür. Das war Jesus dann „genug“ (Lk 22,38).
  • Demgemäß versuchte nur einer seiner Jünger Jesus mit dem Schwert gegen die Festnahme zu verteidigen (Mk 14,47 EU). Aber Jesus soll ihn sofort gestoppt und die Wunde des verletzten Soldaten geheilt haben (Lk 22,51 EU; Mt 26,51 EU).
  • Alle Jünger flohen (Mk 14,50 EU), aber sie wurden nicht verfolgt: Die Festnahme galt also nur Jesus, was als Indiz für primär religiöse, nicht politische Motive der Sadduzäer gilt.

Dass die Jünger die Befreiung Israels erwarteten und Jesu Tod eine Katastrophe für sie war, ist im NT unübersehbar. Doch nach den Osterereignissen deuteten die Urchristen Jesu Festnahme – eventuell in Erinnerung an seine historische Todeserwartung (Joachim Jeremias) – als Selbstauslieferung gemäß Gottes vorherbestimmtem Willen (Mk 8,31 EU; Mt 16,21 EU) und seine Kreuzigung als Opfertod. Für Oscar Cullmann (Jesus und die Revolutionäre seiner Zeit 1970) und andere NT-Historiker wurde Jesus dennoch nicht zufällig von Römern festgenommen und von Pontius Pilatus als politischer Rebell verurteilt und zwischen anderen Zeloten gekreuzigt.

Nikolai Nikolajewitsch Ge: Das Gewissen, Judas

Rudolf Augstein nahm in seinem Buch Jesus Menschensohn an, dass Judas wie auch die anderen Jünger (Lk 24,13) erwartete, dass Jesus Israel als politischer Messias in den Befreiungskampf gegen die Römer führen würde. Er habe Jesus durch seinen Verrat zwingen wollen, sich als Messias zu offenbaren, weil er geglaubt habe, Jesus habe von JHWH die Macht, die Juden von den Römern zu befreien. Als er jedoch gesehen habe, dass Jesus nur ein sterblicher Mensch sei, habe er Suizid verübt. Jesus wiederum habe geahnt, dass Judas ihn verraten würde, und dies auch beim Abendmahl vorhergesagt. Er habe aber auch geahnt, dass Judas, wenn ihm klar werden würde, dass er, Jesus, nur ein sterblicher Mensch sei, Suizid verüben würde. Das habe Jesus in Kauf genommen, um seine Aufgabe zu erfüllen.

Auch der kanadische katholische Theologe William Klassen stellt den „Verrat“ des Judas in Frage und vermutet, nicht nur Judas, sondern auch Jesus selbst sei ursprünglich ein Zelot gewesen. Er deutet Ungereimtheiten in den NT-Texten als Hinweise darauf, dass Judas mit Jesus gemeinsam einen Aufstand zum Pessachfest geplant habe. Die Auslieferung Jesu an die Sadduzäer sei nur in der Absicht vorgenommen wurde, den Aufstand der mit Jesus sympathisierenden Volksmenge in Jerusalem zu provozieren. Damit wäre Jesus zumindest eingeweiht gewesen und hätte zugestimmt. Allerdings sei das gemeinsame Vorhaben gescheitert, und Judas habe sich aus Entsetzen über den fehlgeschlagenen Plan und die Folgen – Jesu Auslieferung und absehbare Hinrichtung – getötet.

Die Funktion des Judas in der heilsgeschichtlichen Struktur der Passionserzählungen

Die Figur des Judas erscheint höchst ambivalent, wenn man den Kreuzestod Jesu als notwendige Erlösungstat Gottes für die Menschen versteht, wie es der christliche Glaube tut. In dieser Perspektive wird aus Judas' schändlichem Verrat eine Mittäter- oder Helferschaft an der Erfüllung des Planes Gottes.[3] Diese Ambivalenz drückt sich bereits im Verb παραδίδωμι aus, das im Neuen Testament der Terminus technicus für das Handeln Judas' ist. Das Wort kann „verraten“, aber auch „überliefern“ bedeuten und bezeichnet dann den Vorgang der Weitergabe einer Tradition,[4] im Falle Jesu seiner heilstiftenden Überlieferung an das Kreuz zu Gunsten aller Menschen.

Solche strukturellen Positionen von Handlungsfiguren in Erzähltexten werden in der Erzähltheorie und Semiotik untersucht. Für die Figur des Judas hat insbesondere Louis Marin im zweiten Teil seiner Semiotik der Passionsgeschichte eine solche Untersuchung vorgelegt. Darin beschreibt er die Rolle des Judas am Kreuzungspunkt einer transzendenten (göttliches Heilshandeln) mit einer immanenten (Verrat und Justizmord) Ereignisfolge.[5]

Neben dem Aktanten-Modell von A.J. Greimas bezieht sich Marin auf Claude Lévi-Strauss' kanonische Formel des Mythos:

Tod (Mensch) : Leben (Gott) Tod (Gott) : Nicht-Mensch (Leben)

Dies wird verstanden als: Der Übergang Gottes vom Tod zum übernatürlichen Leben ist äquivalent zum (bewirkt den) Übergang des Menschen vom Tod zum Leben Gottes. Der Vermittler Jesus wird im zweiten Glied der Formel mit repräsentiert. „Man wird in der Formel den Neuen Bund, den neuen Menschen erkennen, d.h. die Funktion des Ewigen Lebens.“[6]

Kontrastierender Vergleich der Entwicklung Judas' und Petrus' nach Louis Marin.

Für das Heilsgeschehen dient die nicht-notwendige Figur des Verräters in den Passionserzählungen als eine „leere ./. ausgefüllte Stelle“, „an de[r] die Umkehrungen notwendig sind“ – etwa von „negativen und positiven Symmetrien“ zwischen Judas und Petrus – und neuer Sinn entsteht.[7] Vom Erzählablauf her geschieht dies im Abendmahl. In den Dialogen Mt 26,20-25 EU und Mt 26,30-35 EU drückt sich eine „Opposition von Akt der positiven Gabe des Judas und negativem Wort der Zurückweisung des Petrus“ aus. „Die Gabe des Menschensohns durch Judas ist der Aufbruch des Menschensohns zum Vater. Dieser Aufbruch ist eine positive Rückkehr, die durch den Tod hindurch den Menschen das Ewige Leben sichert.“[8]

Der Tod Jesu wird im Abendmahl vorweggenommen; hier ist „der Augenblick [...], in dem der Brot-Leib zum Wort Jesu und das Wort Jesu im Brot sein eigener Leib wird, und zwar durch die Kraft, die aus sich selbst kommt“. Der Austausch des Menschensohns als Signifikant gegen den leeren, abstrakten Signifikanten des Geldes findet beim Mahl statt, in einer „Konsumation Jesu“: „Einer, der mit mir die Hand in die Schüssel taucht...“ (Mt 26,30). „Das Essen teilt so eine Funktion der Zerstörung mit dem Opfer.“ Jesus muss dieses Mahl in „neutralisierender Selbstverleugnung“ annehmen. Dadurch übertragen sich auf ihn die Bedeutungslinien von „Wort“, „Kraft“ und „Leib“.[9]

Judasklischees, Antijudaismus

Das negative Bild des habgierigen Verräters ist in die Umgangssprache eingeflossen und spiegelt sich in Redewendungen wie „Judaslohn“, „Judaskuss“ oder der Beschimpfung „Judas“. Im Antijudaismus des Mittelalters und der Neuzeit, sowie dem Antisemitismus generell wurde und wird eine Personifikation des Judentums als „Judas“ in herabsetzender Weise vorgenommen.

In Dantes Göttlicher Komödie wird Judas als Erzverräter dargestellt, der in der untersten Höllentiefe, der Judecca, vom Eis völlig bedeckt vom gestürzten Luzifer in einem seiner drei Mäuler zermalmt wird.

Der Name Judas wird wegen seiner negativen Prägung von deutschen Standesämtern als Kindesname nicht akzeptiert, weil er dem Kindeswohl zuwiderläuft.[10]

Film

Judas und Jesus - der äußerste Verrat, ein Spielfilm, der das Verhältnis beider Figuren zueinander beleuchtet, USA 2004

Malerei

Judasfiguren sind auch im heutigen Mexiko ein fester Bestandteil der Alltagskultur. Sie werden aus Pappmaché hergestellt und sind mit Feuerwerkskörpern versehen. Zu Ostern, nach Karfreitag, werden sie in der Straße aufgehängt und zum Explodieren gebracht – Judas erfährt damit seine gerechte Strafe. Die Malerin Frida Kahlo besaß einige Exemplare dieser Figur und hatte sogar eines über ihrem Bett angebracht. In ihren Bildern symbolisiert die Judasfigur Verrat und auch Vergänglichkeit.

Literatur

Historisch-kritische Exegese
  • Martin Hengel: Die Zeloten. Brill-Verlag, Leiden 1961.
  • William Klassen: Judas: Betrayer or Friend of Jesus? Fortress Canada, Augsburg 1996, ISBN 0-8006-2968-X
  • Hans-Josef Klauck: Judas – Ein Jünger des Herrn. Herder, Freiburg 1987 = QD 111, ISBN 3-451-02111-0
  • Martin Meiser: Judas Iskariot. Evangelische Verlagsanstalt, 2004, ISBN 3-374-02215-4
  • Dirk Grützmacher: The „Betrayal“ of Judas Iscariot: a study into the origins of Christianity and post- temple Judaism, Edinburgh 1998.
Theologie
  • Kurt Lüthi: Judas Iskarioth in der Geschichte der Auslegung von der Reformation bis zur Gegenwart, Zwingli-Verlag, 1955, ASIN B0000BL3UK1955
  • Dietrich Bonhoeffer: Judaspredigt (Gesammelte Schriften IV, 1961, S. 406ff)
  • Helmut Gollwitzer: Gute Botschaft für Judas Ischarioth. In: Krummes Holz – aufrechter Gang, Christian Kaiser, München, S. 271-296, ISBN 3-459-00594-7
  • Harald Wagner: Judas. Das Geheimnis der Sünde, menschliche Freiheit und Gottes Heilsplan. In: Harald Wagner (Hrsg.) Judas Iskariot. Menschliches oder heilsgeschichtliches Drama? Knecht, Frankfurt 1985, S. 11-38. ISBN 3-7820-0521-X
Rezeption
  • Mirjam Kübler: Judas Iskariot. Das abendländische Judasbild und seine antisemitische Instrumentalisierung im Nationalsozialismus. Schriften der Hans Ehrenberg Gesellschaft, Bd. 15, Spenner, Frankfurt am Main 2007, ISBN 3-89991-077-X
Populärwissenschaft
  • Gregor Wurst: War er kein Schurke? Das Judas-Evangelium führt uns in jene unruhige Zeit, als die frühen Christen ihre Identität suchten. In: National Geographic Deutschland, Mai 2006, S. 62-71
  • Andrew Cockburn: Das Judas-Evangelium. Wissenschaftler gelang es jetzt, den Text eines etwa 1700 Jahre alten Papyrus zu entziffern. Er lässt Judas, den Verräter Jesu, in neuem Licht erscheinen – Handelte der Apostel im Namen Gottes, als er seinen Meister auslieferte?. In: National Geographic Deutschland, Mai 2006, S. 40-61
  • Bernhard Dieckmann: Judas als Sündenbock. Eine verhängnisvolle Geschichte von Angst und Vergeltung. Kösel, 1991, ISBN 3-466-36339-X
Fiktion
  • Dominique Reznikoff: Judas Ischariot. Historischer Roman, aus d. Franz. von Stefan Linster. München (Knaur) 1996, ISBN: 3-426-63051-6
  • Walter Jens: Der Fall Judas. Ludwigsfelde 2006, ISBN 3-933022-39-8

Weblinks

 Commons: Judas Ischariot – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. W. Pape, Handwörterbuch der griechischen Sprache, Band 2, 476; das gleiche Spektrum findet sich auch im NT (vgl. Mt 10,17; 11,27; 17,22)
  2. Hans von Oort: „'Judas-Evangelium' ist keine verblüffende Erkenntnis“: Verräter der Kirchengeschichte soll in Wirklichkeit ein treuer Jünger gewesen sein – Fernsehbericht
  3. Hans-Josef Klauck, Judas, ein Jünger des Herrn, Herder, Freiburg 1987, S. 31
  4. Harald Wagner, Judas. Das Geheimnis der Sünde, menschliche Freiheit und Gottes Heilsplan, in: ders., Judas Iskarioth. Menschliches oder heilsgeschichtliches Drama?, Frankfurt 1985, S. 21–22; Hans-Josef Klauck, Judas, ein Jünger des Herrn, Herder, Freiburg 1987, S. 31
  5. Hans-Josef Klauck, Judas, ein Jünger des Herrn, Herder, Freiburg 1987, S. 31
  6. Louis Marin: Semiotik der Passionsgeschichte, Chr. Kaiser Verlag, München 1976, S. 95. Original Sémiotique de la Passion. Topiques et Figures, 1971
  7. Louis Marin: Semiotik der Passionsgeschichte, Chr. Kaiser Verlag, München 1976, S. 164f.
  8. Louis Marin: Semiotik der Passionsgeschichte, Chr. Kaiser Verlag, München 1976, S. 146f.
  9. Louis Marin: Semiotik der Passionsgeschichte, Chr. Kaiser Verlag, München 1976, S. 148f. sowie Anm. 136
  10. Tobias Fröschle: Familienrecht II (PDF), Skript, Universität Siegen, SS 2008
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